Editorial
Fritz Bauer,
Vorsitzender des Sachverständigenkreises der IGKB,
Mitglied der Arbeitsgruppe „Uferbewertung“,
Gewässerbiologe am Wasserwirtschaftsamt Kempten.
Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) widmet der Ufer- und Flachwasserzone aufgrund ihrer überragenden ökologischen Bedeutung besondere Aufmerksamkeit. Die Bilanz „Der Bodensee, Zustand – Fakten – Perspektiven“ (IGKB, 2004) zeigt, dass das entscheidende Problem der Eutrophierung inzwischen behoben werden konnte, die Defizite im Uferbereich dagegen umso klarer hervortreten.
Aus diesem Grund hat die IGKB das „Aktionsprogramm Bodensee 2004 bis 2009“ mit dem Schwerpunkt Ufer- und Flachwasserzone ins Leben gerufen. Dank des großen Engagements der Arbeitsgruppe des Fachbereichs See wird dieses umfangreiche Projekt bewältigt. Die Zielsetzung der Gruppe war, ein geeignetes Verfahren für die Uferbewertung zu schaffen. Aufbauend auf dem schweizer Ansatz eines „Litoral-Moduls“ wurde ein neues Bewertungssystem für das Bodenseeufer erarbeitet.
In diese Bewertung fließen 15 relevante Struktur– und Lebensraumkriterien ein, welche für die Ökologie des Ufers bedeutsam sind. Dabei wurde für jedes Kriterium entsprechend den Ufertypen „Flach“, „Mittel“ und „Steil“ ein Referenzzustand definiert und vier verschiedene Grade der Abweichung. Das Bewertungssystem sollte ohne vertieftes Spezialistenwissen und mit einem optimalen Verhältnis von Kosten und Nutzen praxisnah anzuwenden sein.
Das etwa 273 Kilometer lange Ufer ist in Abschnitten von jeweils 50 Metern anhand der verschiedenen Einzelkriterien erfasst worden. Darüber hinaus wurden fünf Zusatzkriterien, beispielsweise Freizeitwert und Kulturwert (Denkmalschutz) berücksichtigt. Im Rahmen eines internationalen Symposiums am 24. Oktober in Friedrichshafen wurde die neue Bodensee-Uferbewertung der IGKB der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese bietet die Möglichkeit einer Erfolgskontrolle im Hinblick auf künftige und bereits durchgeführte Renaturierungen. Neben dem Aufzeigen der Defizite ist es auch die Intention der IGKB, den Anrainern einen Anreiz zu geben, geeignete Uferabschnitte zu renaturieren. Dies dient dazu, die Ökologie des Sees zu verbessern und gleichzeitig die Attraktivität für Freizeit und Erholung zu steigern.
Die IGKB sieht in der Uferrenaturierung einen wichtigen Beitrag zum Gewässerschutz, ist sich aber durchaus bewusst, dass die Wiederherstellung eines Uferzustandes wie vor 100 Jahren heute nicht realistisch ist. Durch den starken Siedlungsdruck, die Vielzahl an Hafenanlagen sowie durch den Denkmalschutz sind einer Renaturierung Grenzen gesetzt. Dennoch zeigten die Positivbeispiele des Symposiums, dass noch genügend Potenziale für Verbesserungsmaßnahmen vorhanden sind. Darüber hinaus setzt sich die IGKB dafür ein, noch intakte natürliche Uferbereiche unter besonderen Schutz zu stellen und die angrenzenden Abschnitte möglichst gut zu sichern.
Ein weiterer Meilenstein im Aktionsprogramm ist daher die Entwicklung eines Renaturierungsleitfadens zur kostengünstigen und effizienten Durchführung von Maßnahmen. Eine Verbesserung der Uferund Flachwasserzone als bedeutender aquatisch-terrestrischer Übergangslebensraum dient nicht nur der ästhetischen Aufwertung, sondern ist wichtiger Beitrag zum Erhalt des Bodensees als intaktes Ökosystem.

Internationales Symposium „Bodenseeufer“ in Friedrichshafen
am 24. Oktober 2006
Fotos: Rieg/Engstle