Die Schiffwracks im Bodensee
Seit jeher wird der Bodensee von Schiffen befahren. So verwundert es nicht, dass auf dem Grund zahlreiche Wracks liegen. Ein besonders spektakuläres Exemplar ist der Raddampfer ,,Jura", der jetzt unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Man schreibt den 12. Januar 1864. Am Schweizer Ufer des Bodensees herrscht dichter Nebel. Der damals gerade zehn Jahre alte Raddampfer ,,Jura" dampft ein paar Kilometer östlich von Kreuzlingen vor Bottighofenseines Weges. Kurz vor 11 Uhr hat der bayerische Kapitän Martin Motz die Maschine stoppen lassen, weil er die Nebelglocke des Dampfschiffs ,,Zürich" gehört hat. Urplötzlich taucht die ,,Zürich" aus dem Nebelauf - zum Ausweichen zu spät: Die ,,Zürich" rammt die ,,Jura" am Bug.
So sah die ,,Jura" aus. Fotomontage: Blattner nach einem Beitrag des Buchverlags Maier, Schaffhausen
Der Matrose Johann Martin Rupflin, der vorne am Schiff die Nebelglocke der ,,Jura" betätigt hat, versucht noch nach hinten zu fliehen. Er wird aber ,,von dem eindringenden Bugspriet des Schiffes Zürich erreicht und förmlich in zwei Teile zerschnitten", wie es in dem Unfallprotokoll des Lindauer Hafenkommissariats heißt, das im Staatsarchiv Augsburg aufbewahrt wird. Ein Schiffsjunge bricht sich den Arm, die restlichen Besatzungsmitglieder und fünf Passagiere kommen mit dem Schrecken davon und können sich auf die ,,Zürich" in Sicherheit bringen, die in die ,,Jura" verkeilt ist. Aber nur für kurze Zeit: nach nur drei Minuten sinkt das tödlich verwundete Dampfboot auf den an dieser Stelle etwa 38 Meter tiefen Grund des Bodensees. Ironie des Schicksals: Die 1854 gebaute Jura war erst 1861 in demontiertem Zustand vom Neuenburger See über Luzern mit Pferdefuhrwerken an den Bodensee gebracht worden - als Ersatz für ein bayerisches Schiff, das 1861 während eines Sturmes ebenfalls von der ,,Zürich" gerammt und versenkt worden war.
Jahrelang in Vergessenheit geraten, wurde die ,,Jura" in den 1970er Jahren zu einem beliebten Ziel für Taucher - was wenig verwunderlich ist, handelt es sich doch um ein hervorragend erhaltenes Wrack: Das Loch im Bug, das scharf nach rechts eingeschlagene Ruder, die Maschine, die Kurbelwelle, die Ankerwinde, die Bordtoilette und viele Details mehr sind hervorragend zu erkennen, wie zahlreiche im Internet veröffentlichte Fotos von Tauchgängen belegen.

Werkbank im Schiffsrumpf                           Foto: Stanko Petek www.luftbild.de

Souvenirjäger haben manch schönes Teil der ,,Jura" mitgehen lassen. Die Anker der Sportboote haben ihre zerstörerischen Spuren an dem zum größten Teil aus Holz gebauten Schiff hinterlassen. Da am Bodensee feste Staatsgrenzen fehlen, ist die Frage des Besitzers nicht einfach zu klären. Die ,,Jura" blieb über Jahrzehnte hinweg taucherisches ,,Freiwild". Als in jüngster Zeit neben der sich immer stärker abzeichnenden Gefährdung auch eine mögliche Bergung ins Gespräch kam, handelte das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau: Es stellte die ,,Jura" im Dezember 2004 als Kulturgut unter Schutz - als eines der beiden wichtigsten Süßwasserwracks in Europa.
Bis jetzt ist zwar noch nicht an ein vollständiges Tauchverbot an dieser Stelle gedacht, wohl aber an gewisse Regeln, die beim Betauchen des Wracks zu befolgen sind. Das hat auch eine erste Anhörung mit sämtlichen Beteiligten im März gezeigt. Wichtig ist vor allem, dass es zu keinen weiteren Schäden durch falschen Ankerwurf kommt.
Schaufel des Raddampfers
Foto: Stiftung Hist. Schifffahrt © Strickler

Die ,,Jura" stellt somit einen bedeutungsvollen Präzedenzfall für den Umgang mit archäologisch wertvollen Wracks dar. Die Ausarbeitung entsprechender Richtlinien für das Tauchen in ihrer Umgebung hat daher Pioniercharakter.
Schiffswracks gibt es im Bodensee nämlich viele - schon zu Zeiten der Römer fuhren Kriegs- und Handelsschiffe auf dem Schwäbischen Meer, wie der baden-württembergische Archäologe Helmuth Schlichtherle berichtet. Zusammen mit dem Institut für Seenforschung erstellen Unterwasserarchäologen seit einigen Jahren mit Hilfe eines Unterwasser-Sonars und bei Tauchgängen eine Art Wrackdatei vom Bodensee, die allerdings geheim gehalten wird.
Ein vollkommen erhaltenes Lastschiff aus dem 14. Jahrhundert ist im Konstanzer Landesmuseum ausgestellt. Es wurde 1981 vor Immenstaad entdeckt und im Frühjahr 1991 von den baden-württembergischen Archäologen geborgen und restauriert.